24.03.2021

Ware Mensch Denke

Betriebsleitungen aus dem Antiquariat

Betriebsleitungen aus dem Antiquariat

Das letzte Jahrhundert reduzierte den Mensch zu einem nackten Produktionsfaktor. Als Wegbereiter dieser Denk- und Handlungsweise fungierte ein staatliches Schulsystem. Mit Rohrstock und Zensurenzwang wurde der eigene Wille auf die Fernbedienung des gleichschaltenden Rundfunkempfängers reduziert.

Die dadurch entstandene, eigene Unzufriedenheit liess sich in hierarchischen Betriebssystemen schön nach unten knüppeln. Von dem System profitierende Gewerkschaften führten lediglich zu einer undurchsichtigen, komplexen Arbeitsrechtssprechung, aber nicht zur Selbstverwirklichung der Beschäftigten.

Erst das Internet mit seinen Communities, Foren, Blogs und Netzwerken verschaffte der Menschheit Klarheit über die Krux in ihrem beruflichen Handeln. Gemeinsam wurde jetzt über unterdrückte und neue Arbeitsformen sinniert.

Egal ob die Renaissance von New Work aus den Siebzigerjahren oder dem neuen Diversity Management, der Mensch soll selbstverwirklicht zur Wertschöpfung beitragen. Fehlende schulische Qualifikationen sind in Youtube-Zeiten kein Einstellungshindernis mehr. Empathie, intrinsische Motivation bis hin zu einer breiten Lebenserfahrung führen Unternehmungen an die Spitze in ihrem Markt.

Enterprise-Resource-Planning, kurz ERP-getriebene Betriebe verwalten aber noch immer den Starrsinn des letzten Jahrhunderts. Das der Wandel in der Unternehmens- und Arbeitskultur kein abrupter ist, zeigt jetzt auch eine aktuelle Umfrage von Marketagent unter 2000 Erwerbstätigen in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Nach dieser ist das „Frustpotenzial“ bei vielen Beschäftigten noch immer sehr groß.

Rund 34 Prozent der befragten Arbeitnehmer hatten immer noch den Eindruck, „vom Arbeitgeber nicht als Individuum, sondern als reine Arbeitskraft wahrgenommen zu werden“. So verstellen sich immer noch 40 Prozent der Befragten und spielen auf Arbeit eine „Rolle“.

Lediglich 18 Prozent der Männer geben an, „im Job völlig sie selbst sein zu können“. Bei den Frauen sind es mit 25 Prozent etwas mehr. Wobei die Männer weniger Wert auf ihre „Authentizität“ im Job legen.

Rund ein Drittel der Befragten gab an, dass ihre aktuelle Unternehmenskultur/ Arbeitsumgebung „keine individuelle Potenzialentfaltung“ ermöglicht. Rund 28 Prozent haben zudem den Eindruck, das ihr Betrieb eher auf die Schwächen seiner Beschäftigten fokussiert ist, als auf deren Stärken.

Das die Wertschöpfung im Betrieb durch eine neigungsbasierte Mitarbeit viel höher ist, belegen die zwei Drittel der Befragten, welche überzeugt sind, ihre Potenziale voll zur Geltung bringen zu können, wenn sie im Job nur endlich mal "sie selbst" sein könnten.

Betriebe mit alter Denke und Führungskultur bluten demnächst aus. Denn rund ein Viertel der Befragten sucht derzeit aktiv nach einem Job, in dem sie ihre individuellen Potenziale frei entfalten können.

Innere Kündigungen und Arbeiten fürs Monatsende wird es also noch eine Weile geben - leider. Jedoch dürfte das Ende der künstlichen Betriebssubventionen und damit der aktuellen Krise, auch zu einem schnelleren Wandel der Geschäfts- und Betriebsmodelle führen.